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Reden mit den Einflussreichen

Über erkenntnisreiche Interviews im Wirtschaftsteil.

Von Alexander Mühlauer

Seit einiger Zeit sieht man Roland Busch öfter mal in schwarzer Lederjacke und weißen Sneakern. Der Siemens-Chef ist damit nicht allein. Auch Jen-Hsun Huang von Nvidia trägt dieses Outfit ziemlich gern. Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum Manager sich so kleiden. Und wenn man die Gelegenheit hat, sollte man sie das auch fragen. 

Also, Antwort Roland Busch im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „Wissen Sie was? Die Lederjacke trage ich auch privat. Und ich muss hier zu Protokoll geben, dass ich die schon hatte, bevor Jen-Hsun Huang damit aufgetreten ist.“ 

Busch sendet mit dieser Antwort eine eindeutige Botschaft. Er macht klar, dass er kein Nachahmer ist, im Gegenteil. Mit dieser Antwort hätte der Siemens-Chef die Sache mit der Lederjacke auf sich beruhen lassen können. Aber es ging weiter. Busch erzählte, dass er die Lederjacke schon vor Jahren bestellt habe, sie sei damals in sein Büro geliefert worden. Noch so eine Botschaft: Die Lederjacke wurde an die Büroadresse geschickt, nicht nach Hause. Ganz klar: Sie ist Teil der Arbeitskleidung. 

Busch fasst sein Faible für Lederjacken im SZ-Interview so zusammen: „Meine Lederjacke gehört einfach zu mir und ist kein Statement. Wenn Sie so wollen: Das ist der eigentliche, der authentische Busch.“ 

Und das soll kein Statement sein? Nun, auch wenn Busch damit kokettiert, es ist genau das: ein Statement. Der Siemens-Chef wollte in diesem Interview authentisch wirken. Inwieweit ihm das mit seiner Lederjacken-Geschichte gelungen ist, entscheiden die Leserinnen und Leser. 

Natürlich ging es in dem Interview mit Roland Busch nicht nur um Mode. Das hätte man auch machen können, aber dann nicht im Wirtschaftsteil der SZ. Selbstverständlich haben wir den Siemens-Chef auch gefragt, wofür Siemens heute steht. Wir haben darüber gesprochen, wo er die Zukunft seines Unternehmens sieht, in einer Welt, die sich technologisch so rasend schnell verändert. Wie die Zollpolitik von Donald Trump die Wirtschaft durcheinanderwirbelt. Alles wichtige Fragen. Trotzdem kann es am Ende so sein, dass bei vielen Leserinnen und Lesern die Episode mit der Lederjacke hängenbleibt. Das mag nicht allen gefallen, aber so funktioniert Kommunikation. Es geht um die Wirkung, die ein Manager wie Busch auslöst, wenn er so eine Geschichte erzählt. 

Es gibt ja den schönen Spruch „Kleider machen Leute“. Das ist bei Managern nicht anders. Wenn Dax-Chefs gewisse Kleider tragen, wollen sie damit etwas ausdrücken. Also, Herr Busch, wirklich keine Krawatten mehr? Antwort: „Manchmal noch. Vor allem bei politischen Anlässen. Aber eigentlich passen die nicht mehr in diese Zeit, wir wollen ja junge Menschen begeistern und Technologien entwickeln, die die Welt verändern.“ Und dann noch ein letzter Satz zur Outfit-Debatte: „Moderne, zukunftsweisende Technologien, ich bin mir nicht sicher, ob Krawatten noch unbedingt dazu passen.“ 

Das war sie dann auch, die letzte Botschaft aus der Lederjacken-Episode in unserem Interview. Busch spannte den Bogen von der Mode zu dem, was Siemens für ihn ausstrahlen soll. Ein Unternehmen, das sich jetzt „One-Tech-Company“ nennt. Und das bedeutet offenbar: Lederjacke statt Krawatte. 

Das Schöne an einem Interview ist, dass man als Interviewer im Grunde alles fragen kann. Es geht um Erkenntnis, darum, eine Person näher kennenzulernen, sie ein Stück weit besser zu verstehen. Der oder die Interviewte hat wiederum die Chance, das zu antworten, was er oder sie möchte. Dabei geht es natürlich um Botschaften, die jemand gezielt senden will. Zum Beispiel mit der Lederjacke, die er oder sie trägt. Es geht dabei um die Wirkung des Gesagten. Der Interviewte sucht da mitunter unterschiedliche Adressaten in einem Interview aus: die Politik, die Konkurrenz, die Mitarbeitenden. Manchmal geht es auch darum, in gesellschaftspolitischen Debatten Position zu beziehen. 

Damit ein Interview gelingt, muss man als Interviewer sehr gut vorbereitet sein. Man muss die Zahlen des Unternehmens kennen, man muss sich mit der Person auseinandergesetzt haben, vorher mit Menschen, die diese gut kennen, gesprochen haben. Im Idealfall gelingt ein Gespräch auf Augenhöhe. Es ist ein Austausch, der durchaus beides sein kann: vertrauensvoll und kritisch. 

Und wenn am Ende eine Mischung aus News, Relevanz und Unterhaltung steht, ist es ein gutes Interview. Eines, das gerne gelesen wird. Eines, über das man nach der Lektüre spricht. Und sei es nur über die Lederjacke des Siemens-Chefs.  

Leitet das Wirtschaftsressort der Süddeutschen Zeitung. Zuvor arbeitete er als Korrespondent in London und Brüssel. Er schreibt seit 2007 für die SZ.