Reden, bis der Vorhang fällt
Was in politischen Talkshows passiert, gleicht oft einem Kammerspiel. Journalistische Einordnung findet man woanders: in der Zeitung.
Von Max Fluder
Letztens wurde bei Markus Lanz ein ganzes Fernsehgenre abgeräumt. Ausgerechnet die politische Talkshow wurde – man muss es so sagen – demaskiert. Zumindest für einen Moment. Was ist geschehen? Es saßen sich gegenüber Johannes Winkel, Chef der Jungen Union (JU), und Karl Lauterbach von der SPD. Thema: Rentenstreit. Bei diesem sind Winkel und Lauterbach qua Amt Gegenspieler. Sind Protagonist und Antagonist, vice versa.
Winkel ist dran, er soll auf Lauterbach reagieren. Doch anstatt Lauterbach inhaltlich anzugehen, wird der JU-Chef medientheoretisch. Er hält dem SPD-Mann vor, seine vorher einstudierten Sätze runterzurattern, anstatt das Gespräch voranzubringen. Im Kern wirft Winkel dem SPDler Lauterbach vor, Theater zu spielen.
Es ist ein Argument, dem man als Talkshow-Zuschauer immer wieder begegnet. Klar, im Netz sowieso. Vor allem aber in Talkshows selbst, wenn Gast A es Gästin B mal so richtig zeigen will. Dabei ist der Vorwurf äußerst zweischneidig, denn es stimmt ja: Die Gäste, insbesondere die Politiker, bereiten sich vor Talkshow-Auftritten vor und legen sich ihre Phrasen zurecht. Allerdings gilt: Alle machen bei dieser Inszenierung mit. Da hilft auch kein Fingerzeigen mehr.
Dass an den Aussagen in den Shows von Markus Lanz, Maybrit Illner und Caren Miosga also mindestens so viel im Voraus gelernt ist wie spontan entsteht, ist allen Beteiligten bekannt. Den Unterhaltungswert solcher Shows schmälert das nicht. Stattdessen hat dieser Umstand zwei andere Folgen. Erstens, wirklich Überraschendes passiert nicht; ist ja alles einstudiert. Dafür allerdings bekommen die Shows, zweitens, einen wunderbaren Kammerspiel-Charakter.
Die Süddeutsche Zeitung bespricht bedeutende Talkshow-Auftritte daher bereits seit Jahren im Format der Nachtkritik, einer Art Rezension wie bei Theater, Kino, Serie. Andere Medienhäuser eifern der SZ inzwischen nach. Klar, auch Bundestagsreden und Wahlkampfauftritte sind eine einzige Show; der Politikbetrieb fußt – auch – auf Selbstdarstellung. Doch wohl nirgendwo sonst ist das Showprinzip so zugespitzt wie in der Talkshow, für die Gäste nicht immer „eingeladen“, sondern in der Regel „gecastet“ werden.
Was bedeutet das? Dass Politik in der Regel nicht das ist, was in „politischen“ Talkshows vorgeführt wird. Natürlich geht es da um Inhalte und manchmal auch um die Sache. Wahrheit oder auch nur journalistische Einordnung wird da allerdings schnell zerredet. Selbst der beste Moderator tut sich schwer, routinierte Phrasendrescher einzuhegen.
Zum Glück wird Politik nicht durch Talkshow-Theater bewegt. Sondern durch partei- und regierungsinternes Geschehen, durch Wendungen oder gar Enthüllungen. Dass bei dem Berichten über solches die Zeitung klar im Vorteil ist, steht außer Frage. Sie ist das ruhigere, das hintergründigere, vielleicht auch das informativere Medium. Das liegt sicher auch daran, dass kein Politiker, kein Interviewter eine Show an den Tag legen muss, um einem Zeitungsredakteur Informationen mitzuteilen. Es reicht ein kleiner Anruf. Eine SMS. Gegebenenfalls auch eine Sprachnachricht.
Es verwundert daher nicht, dass im jährlichen Zitate-Ranking kein klassischer Fernsehsender unter den Top Five ist. Die Liste einer Schweizer Firma maßt sich an, anzugeben, wie oft ein bestimmtes Medium von anderen zitiert wird, und damit auch, wie relevant es ist. Trotzdem befruchten sich der Talk- und der Zeitungsbetrieb gegenseitig: Die Zeitung profitiert, weil sie in den Mediatheken kantige Zitate von mal mehr und mal weniger wichtigen Menschen auf Abruf findet. Und die Talkshows profitieren vom ausgeruhten Wissen, das die Zeitung der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. An etlichen Stellen werden in Talkrunden Infos, Zitate, Statistiken aus Artikeln benutzt, um Gäste klug in Antwortbedrängnis zu bringen.
Manchmal bringt das tatsächlich etwas. Und wenn nicht, dauert es zum Glück nur höchstens 90 Minuten, bis der Vorhang fällt.

Seit Mai 2024 Volontär bei der Süddeutschen Zeitung. Zuvor fast fünf Jahre Werkstudent bei der SZ für das Ressort München-Region-Bayern (MRB).
Foto: Niklas Keller










