Medienumfelder als kausaler Wirkfaktor der Markenkommunikation
Reputation Impact2 – the Synergy Effect (RISE). Eine neue Studie über die Wirkung in Qualitätsumfeldern.
Die Wirkung von Werbung wird in der Kommunikations- und Marketingforschung seit Langem nicht mehr ausschließlich als Funktion von Kontakthäufigkeit oder Sichtbarkeit verstanden. Spätestens seit den Arbeiten zur Context Effects Theory gilt das Medienumfeld selbst als eigenständiger Wirkfaktor, der Wahrnehmung, Verarbeitung und Bewertung von Markenbotschaften systematisch beeinflusst. Insbesondere journalistische Qualitätsmedien wurden wiederholt als Kontexte identifiziert, die Vertrauen, Glaubwürdigkeit und inhaltliche Verarbeitung fördern.
Vor diesem theoretischen Hintergrund haben Studien wie die iqm-Grundlagenstudie (2022) zur kognitiven Verarbeitung crossmedialer Werbung sowie die gemeinsam von REPUBLIC und iq digital initiierte Studie zum Quellenvertrauen Reputation Impact (2023) empirisch gezeigt, dass Werbung in journalistischen Qualitätsumfeldern zu signifikant positiveren Markenurteilen führt als Werbung in rein digitalen oder algorithmisch kuratierten Umfeldern. Allerdings blieben zwei zentrale Fragen bislang unbeantwortet:
- Wie baut sich Wirkung über mehrere Kontaktpunkte auf?
- Wie ergänzen sich verschiedene Kanäle und Umsetzungen?
Die vorliegende Studie setzt genau an diesen theoretischen und empirischen Leerstellen an. Sie verbindet ein mehrwelliges experimentelles Paneldesign mit konditionalen Wirkmodellen und einer systematischen Erfassung der Inhaltsverarbeitung (Proportion Correctness). Damit schließt sie eine zentrale Lücke zwischen klassischer Werbewirkungsforschung, Reputationsforschung und kognitionspsychologischen Verarbeitungsmodellen.
Display profitiert – aber nur unter Bedingungen journalistischer Qualität
Wie bereits in der iqm-Grundlagenstudie (2022) gezeigt werden konnte, profitieren auch vergleichsweise „einfache“ digitale Werbemittel – wie klassische Display-Anzeigen – von Kontexteffekten. Die vorliegenden Ergebnisse präzisieren diesen Befund jedoch entscheidend. Display-Werbung entfaltet nur dann eine messbare Wirkung, wenn sie in journalistische Qualitätsumfelder eingebettet ist, wie im Vergleich zu den Kontrollgruppen deutlich gezeigt werden kann. In diesen Kontexten erreicht Display signifikant höhere Werte in der Anzeigenbewertung, der Markenwahrnehmung und – in abgeschwächter Form – auch in der Kaufabsicht als in kontextarmen Umfeldern (Kontrollgruppen ohne erkennbare Medienmarke). Ohne die Einbettung in ein qualitativ hochwertiges redaktionelles Umfeld verlieren Displayformate hingegen nahezu vollständig an Wirkung. Die Kontrollgruppen zeigen nicht nur niedrigere Mittelwerte, sondern auch eine deutlich geringere Stabilität der Effekte über die Zeit. Damit wird deutlich, dass das Display selbst kein eigenständiger Wirkungsanker ist, sondern seine Effektivität wesentlich aus dem umgebenden Medienkontext bezieht. Display wirkt also nicht unabhängig vom Umfeld, sondern konditional – ein Befund, der in der bisherigen Forschung häufig unterschätzt wurde.
Print als Kontext tiefer kognitiver Verarbeitung
Die Ergebnisse zeigen über alle untersuchten Marken hinweg ein konsistentes Muster: Werbung in Printumfeldern und hochwertiges digitales Storytelling in journalistischen Qualitätsumfeldern führen zu signifikant stärkeren und nachhaltigeren Effekten auf die Einstellung zu den Werbemitteln als reine digitale Displayformate ohne Berücksichtigung ihres Content-Umfeldes. Erst wenn Display-Werbemittel in Qualitätsumfeldern platziert werden, entsteht überhaupt ein messbarer Wirkungszuwachs. Besonders ausgeprägt sind diese Effekte in der Kombination aus Print und darauf folgendem digitalen Storytelling. Dabei begünstigen die Kontakte in Printumfeldern offenbar eine zentrale kognitive Verarbeitung der Werbebotschaft, da sie durch geringere Ablenkung, höhere Aufmerksamkeitsspannen und stärkere Kontextkohärenz gekennzeichnet sind. Im Gegensatz dazu fördern digitale Displayumfelder eher periphere Verarbeitungspfade, die zwar kurzfristige Aktivierung ermöglichen, jedoch deutlich weniger stabil sind. Die beobachteten Zeitverläufe bestätigen diese Annahme: Während Displayeffekte rasch abflachen, bleiben Printwirkungen sowie das digitale Storytelling in den starken Medienumfeldern über mehrere Messzeitpunkte hinweg bestehen. Damit erweitert die Studie frühere Befunde aus Reputation Impact, die vor allem Momentaufnahmen (einmalige Werbekontaktmessung) betrachteten, um eine klare zeitliche Stabilitätsdimension.
Kausale Evidenz durch longitudinale Wirkmodelle
Ein zentraler theoretischer Beitrag der Studie liegt in der kausalen Absicherung der Medienumfeldeffekte. Mittels Generalized Linear Models und Mixed-Effects-Modellen lassen sich signifikante Haupteffekte der Stimulusgruppe sowie robuste Zeit x Gruppe-Interaktionen nachweisen. Diese Befunde bleiben auch dann stabil, wenn individuelle Unterschiede kontrolliert werden. Damit wird eine zentrale Kritik an früheren Medienumfeldstudien adressiert, die häufig auf Querschnittsdaten (einmalige situative Messung) oder rein korrelative Designs beschränkt waren. Die vorliegenden Ergebnisse erlauben es, den Einfluss des Medienumfelds als kausalen Wirkfaktor zu interpretieren und nicht lediglich als Begleiterscheinung selektiver Nutzung oder Markenvorlieben.
Markenstärke als kumulativer Effekt hochwertiger Kontexte
Die Effekte auf die Brand Equity fallen erwartungsgemäß geringer aus als jene auf kurzfristige Werbeurteile, was mit etablierten Modellen der Markenbildung konsistent ist. Markenstärke gilt als relativ stabiles Konstrukt, das sich nur durch wiederholte, konsistente Impulse verändert. Genau hier zeigt sich jedoch die besondere Rolle von Print und die narrative Stärke des digitalen Storytellings: Über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg erzielen diese Umfelder kontinuierliche, kumulative Zugewinne, während Displayformate nur in den Qualitätsumfeldern ihr Niveau halten können; ohne eine starke Medienmarke als erkennbaren Absender jedoch an Wirkung einbüßen. Diese Befunde schließen direkt an die Studie Reputation Impact (2023) an, die journalistische Medien als Reputationsanker beschrieb. Die aktuelle Studie liefert nun zusätzlich prozessuale Evidenz, wie diese Ankerwirkung über die Zeit entsteht.
Produktinvolvement und narrative Einbettung
Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse zum Product Involvement. Sie zeigen, dass narrative Kontexte – insbesondere in der Verbindung von Printkontakten und nachfolgendem Kontakt zu digitalem Storytelling – das inhaltliche Interesse an Produkten signifikant steigern. Diese Effekte lassen sich theoretisch im Rahmen der Transportation Theory erklären: Narrativ eingebettete Inhalte erhöhen die kognitive und emotionale Einbindung, was wiederum zu stärkerer Markenverarbeitung führt. Reine Displayformate erreichen diese Tiefe der Verarbeitung nicht.
Von Einstellung zu Handlung: Purchase Intention
Ein zentraler Beitrag der Studie liegt in der Verbindung von Image- und Verhaltensmaßen. Die Effekte auf die Kaufabsichten zeigen, dass Print nicht nur reputations- oder einstellungsrelevant ist, sondern auch verhaltensnahe Indikatoren beeinflusst. Besonders die Kombination aus Print und Storytelling erzielt hier die stärksten Zuwächse. Diese Ergebnisse widersprechen der häufig geäußerten Annahme, Print sei primär ein Upper-Funnel-Medium, und stützen neuere Arbeiten, die auf kontextabhängige Performance-Effekte hinweisen.
Proportion Correctness als vermittelnder Wirkmechanismus
Theoretisch besonders bedeutsam ist die Rolle der Genauigkeit, mit der sich die Versuchspersonen an die tatsächlichen Inhalte der Werbemittel erinnern (Proportion Correctness). Die Studie zeigt, dass Printumfelder zu signifikant höheren Raten korrekter Inhaltswahrnehmung führen. Diese Correctness ist wiederum ein signifikanter Prädiktor aller zentralen Wirkungsmaße. Mediationsanalysen belegen, dass ein substanzieller Anteil der Printwirkung über diese verbesserte kognitive Verarbeitung vermittelt wird. Damit wird erstmals empirisch untermauert, was in der Medienpsychologie lange postuliert wurde: Medienumfelder beeinflussen nicht nur Einstellungen direkt, sondern strukturieren den kognitiven Verarbeitungsprozess selbst. Print fungiert in diesem Sinne als „kognitiver Verstärker“, der Bedeutung, Erinnerung und Bewertung von Werbebotschaften nachhaltig prägt.
Einordnung in den Forschungsstand und theoretischer Mehrwert
In der Gesamtschau steht die vorliegende Studie in klarer theoretischer Kontinuität zu bestehenden Arbeiten, geht jedoch entscheidende Schritte darüber hinaus. Während die iqm-Grundlagenstudie (2022) strukturelle Unterschiede zwischen Mediengattungen aufzeigte und Reputation Impact den Reputationsübertrag journalistischer Umfelder belegte, liefert die aktuelle Untersuchung erstmals eine kausal abgesicherte, zeitreihen- und kognitionsbasierte Erklärung dieser Effekte. Sie schließt damit eine zentrale Forschungslücke zwischen Medienumfeldforschung, Werbewirkungsmodellen und Markenökonomie und zeigt, dass Print nicht als Gegenpol zur digitalen Kommunikation zu verstehen ist, sondern als integraler Bestandteil wirksamer Crossmedia-Strategien.
Fazit
Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen mit hoher theoretischer und empirischer Klarheit, dass Werbewirkung nicht additiv entlang einzelner Kanäle entsteht, sondern konditional. Medienkontakte entfalten ihre Wirkung nur in Abhängigkeit vom jeweiligen Kontext, der Sequenz der Kontakte und der Tiefe der kognitiven Verarbeitung. Print erweist sich – auch in digitaler Form – dabei nicht als Relikt vergangener Medienlogiken, sondern als zentraler Wirkungsanker moderner Crossmedia-Strategien. Es schafft die Voraussetzungen für tiefe Verarbeitung, präzise Memorierung und nachhaltige Markenwirkung. Digitale Formate – insbesondere Display – können diese Wirkung verstärken, jedoch nur dann, wenn sie in journalistische Qualitätsumfelder eingebettet sind oder auf vorherige Printkontakte aufbauen. Demgegenüber zeigen Feed-basierte Social-Media-Umfelder deutliche strukturelle Schwächen. Die algorithmische Fragmentierung, hohe Ablenkungsdichte und geringe Kontextkohärenz führen zu niedriger Correctness, instabilen Effekten und rascher Wirkungsverflüchtigung. Selbst bei hohen Reichweiten bleiben nachhaltige Marken- und Wirkungseffekte hier die Ausnahme. Die Studie leistet damit einen substanziellen Beitrag zur Weiterentwicklung der Werbe- und Medienwirkungsforschung und liefert zugleich empirisch belastbare Argumente für eine differenzierte, kontextorientierte Mediaplanung.

Wissenschaftler, Geschäftsführer der EMPYRICA Forschungsberatung sowie Hochschullehrer an der Universität Münster.













