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Kanzler sind auch nur Menschen

Über die Beziehung von Medien und Spitzenpolitik.

Von Kurt Kister

Es gab einmal einen Kanzler, der sagte, launig wie er war, er brauche zum Regieren „nur Bild, BamS und Glotze“. Dieser Kanzler ist mittlerweile Geschichte, auch wenn er durch manche Geschichten heute noch den Eindruck erweckt, er sei immer noch mehr als nur ein hannoveranischer Pensionist. Jedenfalls war Gerhard Schröder damals – es ist schon wieder mehr als zwanzig Jahre her – wirklich noch ein Medienkanzler. Er bediente sich gern der Boulevardpresse, die sich seiner ebenfalls bediente. Und er wusste sehr genau, dass man mit dem Fernsehen viel mehr Leute erreichte als mit gedruckten Medien. Journalisten und Journalistinnen gehörten immer zu seinem Umfeld. Je länger er Kanzler allerdings war, desto skeptischer wurde er gegenüber „der Journaille“.

Ach so, für die Jüngeren: Social Media und das Netz spielten damals keine Rolle. Schröder trat 2005 als Kanzler ab, Steve Jobs präsentierte 2007 das erste iPhone. Auch Twitter begann 2007. Die „Öffentlichkeit“ stellten zu Schröders Zeiten – und auch noch in der ersten Hälfte von Angela Merkels Regierungszeit – überwiegend Medien her. Deren Vertreter, darunter gerade die Berliner Büros der Fernsehsender, der großen Zeitungen und Magazine, hatten aus guten Gründen Zugang zum Kanzler oder zur Kanzlerin. Man traf sich auf Pressekonferenzen, in Hintergrundrunden, auf Reisen, im Wahlkampf und verbrachte Zeit miteinander. Dabei entwickelten sich Sympathien und Antipathien. Und zu den wichtigen Leuten um den Kanzler oder die Ministerin, also die Sprecher, die Büroleiterin, den Referenten oder die Abteilungschefin, hielt man als Journalist Kontakt. Die nämlich wussten, was wann laufen sollte und wie ihre Chefin oder ihr Chef dies und das wirklich beurteilte.

Letzteres ist für die Berliner Journalisten noch immer wichtig. Allerdings war weder der eher trockene Olaf Scholz ein „Medienkanzler“ noch ist das Friedrich Merz. Ersterer sprach durchaus mit „der“ Presse, aber es entstand oft der Eindruck, er tue es nur, weil es halt dazu gehöre. Schröder dagegen hatte immer wieder mal Lust zu solchen Gesprächen, bei denen er sich dann hin und wieder auch durchaus mit den Korrespondentinnen und Redakteuren fetzte. Auch Merkel ließ sich in solchen Runden auf Kontroversen ein, wenn sie den Eindruck hatte, ihre Gegenüber waren nach ihrer Ansicht halbwegs kundig. Merz wiederum ist vorsichtiger, allerdings neigt er auch zu unüberlegten Formulierungen (das Brot in Angola, das Stadtbild etc.). Er braucht immer wieder mal das Fernsehen, um sich in One-Man-Talkshows zu erklären.

Die Kommunikation zwischen „der“ Politik und „den“ Medien hat sich in den vergangenen 15 Jahren genauso drastisch verändert, wie sich die Kommunikation insgesamt verändert hat. Die Geschwindigkeit ist durch die Notwendigkeit, stets für die Website präsent zu sein, enorm gestiegen. Und wenn es noch nicht zu einem Text für die Website reicht, verbreitet man Fakten, Einschätzungen, Meinung oder manchmal einfach Zeug über X, Bluesky, TikTok, LinkedIn oder, die Älteren, Facebook. Auf die actio erfolgt meist auch sehr schnell die reactio durch Kollegen, Politikerinnen, Newsjunkies, Parteileute etc. Geruhsam war es für Berliner Korrespondenten nie. Aber so groß wie heute war der Präsenzdruck auch nie.

Das Smartphone ist das primäre Kommunikations- und Recherchemittel geworden. Musste man früher, im Sinne des Wortes, manchmal seinen Kontaktleuten im Bundestag oder anderswo hinterherlaufen, schickt man ihnen heute eine Textmessage. Manche antworten nicht, immer mehr aber tun das, wenn sie vorher schon mal Kontakt mit einem hatten. Das klassische Bild des Reporters, der an seinem Schreibtisch sitzt und mit dem Festnetztelefon seine Kontakte befragt, hat heute überwiegend nur noch zeithistorische Bedeutung.

Die Tatsache, dass heute jeder und jede zumindest theoretisch über Social Media Öffentlichkeit herstellen kann, hat die Rolle des Journalismus ziemlich grundlegend verändert. Politikerinnen und Parteien können sich – ein drastisches Beispiel ist die Trump-Regierung – direkt und ohne zwischengeschaltete Journalisten an die Öffentlichkeit oder Teile der Öffentlichkeit wenden. Das bedeutet zwar einerseits, dass es sehr wichtig ist, dass diese Direktkommunikation von professionellen Beobachtern, eben Journalisten, verfolgt und analysiert wird. Andererseits aber wird vermutlich die Zahl jener Politiker und Politikerinnen, die Wert auf Kontakte, gar Gespräche mit „der“ Presse legen (und durchaus auch mit kritischen Reporterinnen oder Leitartiklern), abnehmen.

Es ist bedauerlich, aber vorstellbar: Der nächste Kanzler, die übernächste Kanzlerin sagt vielleicht, dass man zum Regieren nur „X, YouTube und TikTok“ braucht. 

Kurt Kister

Von 2011 bis 2020 Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung. Davor ab 1983 Mitglied der SZ-Redaktion.