Ich schreibe, also wirke ich.
Warum wir nie auf Wirkung aus sind, sie aber doch erzielen.
Jeden Morgen, wenn die Redaktionskonferenzen der Frankfurter Allgemeinen beginnen, denkt niemand von uns an Wirkung. Wir denken an Fakten, Zusammenhänge, die Geschichte, die heute erzählt werden muss. Und doch, oder gerade deshalb, entfaltet sich so eine Wirkung, die weit über das hinausgeht, was sich messen lässt. Wirkung meint hier nicht nur die gesellschaftliche Reichweite, sondern vor allem die Tiefe und Nachhaltigkeit, mit der Inhalte, Wertvorstellungen und Debatten in Öffentlichkeit und Wirtschaft vordringen. Es ist das Paradoxon unseres Berufs: Je weniger wir auf direkte Wirkung abzielen, desto nachhaltiger ist sie. Wer als Journalist primär wirken will, manipuliert.
Wenn wir zum Beispiel über die Energiekrise und mittelständische Unternehmen berichten, denken wir nicht daran, Vorstandsentscheidungen zu beeinflussen. Wir wollen nur erklären, warum Produktionsschritte ins Ausland verlagert werden. Wenn man dann später erfährt, dass eine solche Analyse eine Investitionsentscheidung beeinflusst hat, dann geschah das an der Stelle nicht durch Überredung, sondern durch Aufklärung. Das ist journalistische Wirkung in Reinform: Sie entsteht durch Komplexitätsreduktion, nicht durch Vereinfachung. Während soziale Medien komplizierte Sachverhalte in kurze Videos oder 280 Zeichen pressen, legen wir den Kern einer Sache frei, ohne deren Nuancen zu verlieren. Der Unterschied zwischen Vereinfachen und Einordnen ist entscheidend.
Unsere Zielgruppen sind geprägt von Entscheidern, Meinungsbildnern und Multiplikatoren, denen es um fundierte Information und Argumentationsfähigkeit geht. In dieser Öffentlichkeit wirken journalistische Inhalte als Impulsgeber weit über den engeren Leserkreis hinaus; eine Wirkung, die neben quantitativer Reichweite auch qualitative Tiefe voraussetzt. Die stärkste Wirkung erzielt der Journalismus in dieser Zielgruppe dort, wo er am wenigsten darauf aus ist. Ein investigativer Bericht über Verwaltungsmissstände entsteht nicht, um eine politische Agenda durchzusetzen, sondern, um Transparenz zu schaffen. Ein Unternehmerporträt wird geschrieben, um den Antrieb der dort Handelnden zu verstehen. Und doch: Der Bericht kann zu Reformen führen, das Porträt Wahrnehmungen verändern. Diese Wirkungen aber sind Nebenprodukte handwerklicher Sorgfalt, nicht deren Ziel. Wer Ziel und Nebenprodukt vertauscht, verliert an Glaubwürdigkeit und ironischerweise die Wirkung.
Mehr als 400 Redakteurinnen und Redakteure arbeiten für die F.A.Z., jeder mit eigenem Stil und Perspektive. Was uns eint, ist keine gemeinsame Meinung, sondern ein Standard: die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Ein F.A.Z.-Artikel wird anders gelesen als derselbe Text in einem weniger etablierten Medium. Nicht wegen des Namens, sondern wegen der Erwartung sorgfältiger Recherche und fairer Einordnung. Diese Erwartung zu erfüllen ist tägliche Arbeit, sie zu enttäuschen der schnellste Weg, jede Wirkung zu verlieren.
Journalistische Wirkung ist kein einseitiger Prozess. Unsere Leser sind aktive Teilnehmer. Ihre Leserbriefe und Reaktionen zeigen uns, welche Themen bewegen, wo wir missverständlich waren, wo wir blinde Flecken haben. Diese Rückkopplungsschleifen verstärken die Wirkung. Ein Artikel über die Digitalisierung im Mittelstand führt zu Leserbriefen mit neuen Aspekten, die in die weitere Berichterstattung einfließen. In einer Welt der Echtzeitkommunikation kann unsere größte Stärke manchmal sogar bewusste Langsamkeit sein. Während andere sofort reagieren müssen, können wir nicht immer, aber gar nicht so selten innehalten, nachdenken, einordnen. Diese zeitliche Distanz ermöglicht nachhaltigere, durchdachtere Wirkung, weniger spektakulär, aber tiefergehend.
Ein Kommentar, eine besondere Stilform, von der hier noch nicht die Rede war, kann eine Woche nach einem Ereignis durchaus noch wirkungsvoller sein als hundert Sofortreaktionen, vorausgesetzt, er bietet neue Einsichten. Wirkung ist nicht nur Reichweite, sondern auch Tiefe. Manchmal müssen wir dem Zeitgeist widerstehen, um zeitlos zu wirken. Aber woran messen wir diese Wirkung dann? Nicht primär an Klickzahlen, sondern an der Qualität des öffentlichen Diskurses, der Informiertheit unserer Gesellschaft, der Fähigkeit zur demokratischen Meinungsbildung. Das sind schwer messbare Größen, aber sie sind das eigentliche Maß journalistischer Wirkung.
In einer Zeit, in der jeder Sender werden kann, ist unser Auftrag klar: nicht die lauteste, sondern die durchdachteste Stimme zu sein. Nicht die schnellste Reaktion zu liefern, sondern die beste Einordnung. Nicht auf Wirkung aus zu sein, sondern durch Wahrhaftigkeit zu wirken.

Seit April 2020 Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen. Davor Chefredakteur für die digitalen Produkte und bis 2018 für die Frankfurter Allgemeine u. a. als Wirtschaftskorrespondent in New York und San Francisco tätig.










