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Es gibt so viele kluge Köpfe

Für wen ich schreibe.

Von Anna Nowaczyk

Jede Zeitung hat ihre Klischees. Und mit ihr auch ihre Leserschaft. Schon damals, als ich Politik am Berliner Otto-Suhr-Institut studierte, hatte ich eine recht klare Vorstellung vom typischen F.A.Z.-Leser: männlich, alt, gutverdienend, konservativ. Das gilt es natürlich im Kontext des Otto-Suhr-Instituts zu bewerten, an dem auch die „TAZ“ gelegentlich für konservativ gehalten wurde. Als ich selbst mal durch eine Printausgabe blätterte, erweiterte sich mein Urteil über die Leser der F.A.Z. um ein weiteres Adjektiv: Clever, dachte ich, müssen die sein, die all das lesen. 

Ein paar Jahre später war ich dann in der Position, für sie zu schreiben. Mein Volontariat begann im Feuilleton. Und F.A.Z.-Feuilleton-Leser, das sollte ich nach wenigen Wochen feststellen, nehmen es sehr genau. Ich bekam eine freundliche Nachricht zu einem Artikel, den ich über Siegfried Löwy, Kafkas Onkel, geschrieben hatte. Es handele sich auf dem abgebildeten Foto nicht um eine Laurin & Klement-Maschine, so der Leser, sondern – und von hier an wurde es aufregend unverständlich für mich – um eine „deutsche 3 HP Zweizylinder NSU, die ab 1913/14 (s. Abb. aus NSU – Modellkatalog) in Neckarsulm produziert wurde“. Die Abbildung hing als Scan an. 

Im Laufe des Volontariats lernte ich immer mehr Leser und gelegentlich auch Leserinnen kennen. Nicht nur per Mail, sondern vor allem auch im Leserforum. Das erweiterte mein Urteil über F.A.Z.-Leser – und bestätigte es in Teilen. Manch einer kommentierte ganze Analysen zur Kompatibilität der Wahlprogramme von BSW und CDU, andere stritten sich leidenschaftlich über den Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Anfangs überraschte mich das sehr. Mittlerweile bin ich daran gewöhnt, dass es zu bestimmten Themen sehr viel Meinung unter den Lesern gibt – differenzierte Meinungen, zur Diskussion gestellte Meinungen, manchmal auch kompromisslose Meinungen. Über die vergangenen Monate habe ich das sehr zu schätzen gelernt. Jeden Tag haben wir starke Meinungen im Blatt – warum sollten unsere Leser sie nicht haben?  

Und so bestimmt ihre Meinungen formuliert sind, so ist es manchmal auch ihre Kritik. Nicht immer ist sie berechtigt, oft aber schon. Mir hat sie vor allem verdeutlicht, dass die F.A.Z. bei ihren Lesern viel voraussetzen kann – und sollte. 

Zurückzuführen ist das teilweise wohl auch auf ihre intensive Zeitungslektüre. Eine meiner größten Erkenntnisse der vergangenen Monate war, wie regelmäßig und genau Abonnenten der F.A.Z. die Zeitung lesen. Ihnen fällt auf, wenn zu einem Thema vor zwei Monaten noch etwas anderes im Blatt – oder im Netz, der Beilage, im Newsletter oder dem Magazin – stand. Der typische F.A.Z.-Leser ist trotz des Umfangs, den allein die Tageszeitung mitbringt, kein Stöberer, sondern liest täglich und sehr gründlich. Entsprechend hoch sind seine Ansprüche an eine konsistente, sprachlich präzise Berichterstattung. Und viele, so scheint es, lesen tatsächlich nicht nur ein Ressort, sondern gleich alle. So wie jener Abonnent, der sich kürzlich als Stammleser von „Natur und Wissenschaft“ vorstellte und sich darauffolgend über zwei Texte in den Ressorts Gesellschaft und Sport ärgerte, die – wenn auch nur in einem Halbsatz – alternative Heilmethoden thematisierten.

Für wen also schreibe ich da eigentlich? Ich schreibe für diejenigen, die täglich Zeitung lesen und denen jeder Fehler auffällt. Für die, die jeden Morgen – und von da an im Stundentakt –  FAZ.NET leerlesen. Für die Heavy-User des Leserforums. Für die, die sich regelmäßig über zu viele englische Wörter im Blatt aufregen. Für die Menschen, die die F.A.Z. vor allem von Instagram kennen und für alle, die über Instagram ihren Weg zu FAZ.NET finden. Und für ganz viele stille Leser, die nie in Erscheinung treten.

Die Leserschaft der F.A.Z. ist divers, zum Glück. Und doch: Denke ich heute an den idealtypischen F.A.Z.-Leser, kommen mir zuerst andere Adjektive in den Sinn als noch vor ein paar Jahren. Er kann außergewöhnlich spitzfindig sein, meinungsstark, anspruchsvoll und ebenso wertschätzend. Er ist recht männlich geblieben und hat auch seinen Hang zum Konservatismus beibehalten. Bewahrheitet hat sich auch, dass der typische F.A.Z.-Leser ziemlich clever ist. Oder, um im Corporate Wording – Entschuldigung! – zu bleiben: ein ziemlich kluger Kopf.

Seit April 2024 Volontärin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von 2023 an Werkstudentin für FAZ.NET. Zuvor bei der Rhein-Main-Zeitung der F.A.Z., dem Münchener Kulturteil der „Süddeutschen Zeitung“ und dem „Tagesspiegel“.