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Erst kommt die Zuversicht, dann der Aufschwung

Deutschland steckt in einer strukturellen Wirtschaftskrise. Fatalismus ist da der falsche Ratgeber. Ein Plädoyer für einen pragmatischen Optimismus.

Von Johannes Pennekamp

Wenn Manager über viel Geld entscheiden, geht es rational zu. Zahlen, Fakten, fertig. Gefühle und Stimmungen haben da nichts verloren. So lautet zumindest das Klischee. Mit der Realität hat das kaum etwas zu tun. Menschen, auch Manager, sind keine kühl kalkulierenden Maschinen. Sie folgen Trends, sie laufen der Herde hinterher, sie überschätzen sich systematisch und sie lassen sich leicht verunsichern. Es ist deshalb kein Wunder, dass gesellschaftliche Stimmungen und Narrative eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verbunden sind. Oder anders gesagt: Nur wenn genügend Menschen daran glauben, dass es in diesem Land wirtschaftlich auch wieder aufwärts gehen wird, wird sich etwas bewegen. 

Besonders toxisch für einen Aufschwung ist Unsicherheit: Steigen die Steuern oder werden sie sinken? Hält die Regierung oder stürzt sie? Und wie geht es weiter mit den Zöllen? Wenn über solche Fragen Unklarheit herrscht, halten Unternehmen ihre Investitionen zurück. Die Folge: Es entsteht wenig Neues, was der Wirtschaft Schwung geben könnte – weder Arbeitsplätze noch Innovationen. In Deutschland ist diese Negativdynamik besonders ausgeprägt. Auch für 2026 erwartet der Sachverständigenrat Wirtschaft, das unabhängige Berater­gremium der Bundesregierung, trotz des 500-Milliarden-Sondervermögens nur ein Mini-Wachstum um 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. 

Für eine Wirtschaftswende braucht es erst einmal eine Stimmungswende, hat die Regierung Merz richtigerweise erkannt. Bessere Stimmung lässt sich aber nicht einfach herbeireden. Deutschland hat strukturelle Probleme. Optimismus-Appelle ändern nichts daran, dass die Züge nicht pünktlich fahren, Strompreise zu hoch sind und in der Rentenkasse Lücken klaffen werden. Dagegen helfen harte Reformen, die der Kanzler für den Herbst 2025 angekündigt hatte, aber bislang nur in Ansätzen geliefert hat. Mut zu Reformen ist der große Bruder der Zuversicht. Sie können nur miteinander.   

Trotz all dieser Probleme sollte man sich aber nicht einreden lassen, dass in diesem Land gar nichts mehr funktioniert. Denn genau das versuchen populistische Politiker, allen voran die der AfD, den Deutschen einzutrichtern. In sozialen Medien verbreiten sie Bilder von einstürzenden Fabriken und Wirtschaftspolitikern, die mutwillig Steuergeld verbrennen. Es gehört zu ihrem Geschäftsmodell, den regierenden Parteien Totalversagen zu attestieren und das Bild von einem Land zu zeichnen, das Richtung Abgrund rast. 

Dem zu widersprechen, ist fast schon eine Bürgerpflicht. Und zwar nicht, weil man die Strukturprobleme Deutschlands ausblendet, sondern weil düstere Narrative sonst zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden können. So wie Zuversicht eine Voraussetzung für Wachstum ist, ist Fatalismus der Freund der Rezession. Das Gebot der Stunde kann also nur pragmatische Zuversicht sein. 

Woraus die sich speisen soll? 1.500 Start-Ups wurden im ersten Halbjahr 2025 gegründet, neun Prozent mehr als im Vorjahr. Deutschland hat den Gründergeist nicht verlernt. Die deutsche Wirtschaft ist am Jahresende 2025 zumindest leicht gewachsen, die Industrie bekommt wieder mehr Aufträge – auch wenn Donald Trump weiter massive Unsicherheit verbreitet. Und Deutschland ist noch immer die größte Volkswirtschaft in Europa mit einem starken Mittelstand, auf den andere Länder zu Recht neidisch sind. 

Aufbruchstimmung fängt nicht im Kanzleramt an, sondern in den Köpfen von Millionen Menschen, die jeden Tag zur Arbeit gehen und sich nicht mit Mittelmäßigkeit und Stillstand zufrieden geben wollen. Diese Menschen zu stärken, anstatt sie zu bremsen, ist die vorrangige Aufgabe – sei es durch faire Löhne, Aufstiegsmöglichkeiten oder eine Regulierung, die keine Fesseln anlegt. Diese Einsicht muss sich durchsetzen. Denn mehr Zuversicht im Kleinen macht einen großen Unterschied. 

Seit 2018 bei der F.A.Z. verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung. Davor als Redakteur in der F.A.Z.-Wirtschaftsredaktion unter anderem zuständig für die Konjunktur- und Energieberichterstattung