Die zwei Bedeutungen von Engagement
Warum die Wirkung von Botschaften eine Frage des Mediums und auch eine Frage der Erwartung ist.
„Reader, Come Home“, das große Buch der Leseforscherin Maryanne Wolf über das Lesen im digitalen Zeitalter mit dem energischen Appell im Titel, überrascht mit einem Geständnis und endet mit einer Hoffnung. Das Geständnis: Die Kognitionswissenschaftlerin hat an sich selbst beobachtet, was vielen Menschen in den Jahren, seit Computer (als Smartphones und Tablets) mobil geworden sind, aufgefallen ist – dass ihre Konzentrationsspanne, ihre Aufnahmebereitschaft, ihre Fähigkeit zu langem, zu vertieftem Lesen abgenommen hat. Nicht einmal eine Professorin, die sich diese Gefahr zum Thema ihrer Forschung gemacht hat, konnte sich vor ihr schützen.
Die Hoffnung: So wie zweisprachig aufwachsende Menschen gewissermaßen kognitiv zwei voneinander unabhängige Schaltkreise ausbilden, einen für jede Sprache, könnten künftig Menschen auch das Überfliegen eines Textes, das beim Bildschirmlesen verbreitete Verfahren, einerseits und das konzentrierte Lesen, bei dem wir die Inhalte mit eigenen Erinnerungen verknüpfen und mit unserem Wissen abgleichen, andererseits getrennt voneinander entwickeln und erhalten. Ohne dass das eine durch das andere beschädigt würde – wie es offenbar Maryanne Wolf geschehen ist.
Wer sich in die Debatte um die Vor- und Nachteile des Lesens auf Papier oder auf einem Bildschirm vertieft, sieht schnell, welche Bedeutung den unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen der beiden Formen beigemessen wird – ohne die eine gegen die andere auszuspielen. Das schnelle Erfassen des Wesentlichen, die zügige Reaktion auf eine Information ist eine wichtige Fähigkeit. Das Überdenken des Aufgenommenen, das Erkennen von inneren Widersprüchen wie von Abweichungen zu bisherigen Annahmen, die Möglichkeit zudem, das Gelesene zu erinnern, ist eine andere.
Viele Inhalte, die über soziale Netzwerke verbreitet werden, sind darauf angelegt, ihre Betrachter zu einer schnellen Reaktion – dem Weiterleiten, Kommentieren oder Liken – zu verleiten. Die endlose Abfolge von Hinweisen auf neueste Nachrichten – sei es von persönlichen Kontakten oder allgemeinen Medien – tut das Ihre dazu, dass wir Nutzer mit den mobilen Endgeräten schon die Erwartung verbinden, gestört zu werden.
Die Frage nach der Wirkung von Botschaften ist immer eine Frage ihrer Vermittlung – ihrer Rhetorik, ihrer Gestaltung, aber auch ihres Mediums. Allerdings ist mehr als sechzig Jahre nach Marshall McLuhans berühmtem Satz, das Medium sei die Botschaft, in den Blick geraten, dass nicht allein der Sender einer Botschaft das Medium wählt – und dass der Empfänger einer Botschaft noch dazu mit jedem Medium eigene Erwartungen verknüpft. Im doppelten Sinn, dem einzelnen Medium zugeschriebene wie persönlich mit ihm verknüpfte: Die Psychologin Rakefet Ackerman hatte schon vor vielen Jahren von einem zweiten Tablet erzählt, das sie sich zugelegt, von allen kontinuierlichen Datenströmen entkoppelt und in ihren Bücherschrank gestellt hatte. Wenn sie also im Buchregal nach dem Gerät greift, um darauf die wissenschaftlichen Arbeiten ihrer Studenten zu lesen, ruft sie in sich selbst die Erwartung ab, mit diesem Gerät konzentriert zu arbeiten, auch wenn es sich grundsätzlich für alle erdenklichen Formen des Zeitvertreibs eignet. Ihr Beispiel zeigt: Die Nachteile des Bildschirmlesens – der Art, auf die ein Großteil der heute Berufstätigen ihre Nachrichten empfängt – sind den Geräten nicht zwangsläufig eingeschrieben. Es liegt an den Lesern. Die Vorteile digitaler Informationsdistribution liegen auf der Hand, angefangen mit der Verfügbarkeit, der Verknüpfbarkeit, den verschiedenen Darstellungsoptionen von Texten. Die Vorteile gedruckter Information bleiben davon unberührt: Wer ein Buch oder eine Zeitung aufschlägt, nimmt sich gemeinhin Zeit für die Lektüre, orientiert sich bewusst in seinem Medium und merkt sich Information auch über physische Merkmale – über die Lage dieser Seite im Buch oder in der Zeitung. Wer gedruckte Botschaften liest, nimmt über die schnelle Reaktion hinaus etwas mit. Das gilt auch für die bewusste Lektüre der Zeitung als E-Paper. Ihre Wirkungsabsicht ist hier nicht der Reflex, sondern die Verarbeitung. Nicht das im von Anglizismen geprägten Medienmanagement vielbeschworene Engagement im Sinne einer Reaktion, sondern das allgemein vertraute Engagieren: sich bekennend für etwas einsetzen.
In ihrer „Stavanger Erklärung“ – in deutscher Fassung erstveröffentlicht in der F.A.Z. vom 22. Januar 2019 – hatten mehr als 130 Forscher aus ganz Europa vor sieben Jahren nicht nur angemahnt, den Zugang zu gedruckten Texten für Schüler und Studierende weiter zu gewährleisten, sondern auch dazu aufgerufen, Konzepte, Strategien, Mindsets für das Lesen auf Bildschirmen zu entwickeln und zu vermitteln, die dessen erwiesene Nachteile ausgleichen. In ihrem Buch „How We Read Now“ hat die Linguistin Naomi Baron gut zwei Jahre später ausgearbeitet, welche Form des Wissenserwerbs, welches Leseanliegen eine bestimmte Medienwahl nahelegt. Ohne das eine gegen das andere auszuspielen. Wo Maryanne Wolf mit einer Hoffnung endet, schließt Naomi Baron mit einem Appell: „Lies mehr. Konzentriere dich dabei. Das Medium hat Bedeutung.“

Seit November 2004 Redakteur im Online-Feuilleton der F.A.Z., seit Oktober 2024 dort Koordinator Produkte.










