„Die Meinung ist frei, die Fakten sind heilig.“
Was gute Kommentare ausmacht und was sie bewirken können.
Von Detlef Esslinger
Manchmal wird die Kritik grundsätzlich. Dann schreibt nicht nur ein Leser, dass und warum ihn dieser Kommentar keineswegs überzeugt, oder dass er den Text gar absurd findet. Dann begnügt sich auch nicht ein weiterer damit, permanentes Hadern mit einem Autor auszudrücken. „Bitte schreiben Sie nie für den Sportteil“, schrieb neulich jemand in der Kommentarspalte auf der SZ-Website. „Der ist sehr brauchbar, und ich wünsche mir, dass das so bleibt.“ (Es sind übrigens fast immer Männer, die derart schreiben.) Doch das alles ist nichts gegen jene Art von Kritik, die auch immer mal kommt: Man brauche keine Meinung. Die SZ solle einfach „objektiv“ berichten, die Meinung bilde man sich dann schon selber.
Das ist ein Schimpfen, das man ernst, aber nicht wörtlich nehmen muss. Denn es kommt als Chiffre daher. Wer diese Forderung erhebt, will eigentlich etwas anderes ausdrücken: Ich lehne Ihre Meinung ab. Noch nie hat jemand eine Autorin zum Kommentar beglückwünscht und hinzugefügt, so etwas brauche man nicht.
Diese Art von sehr grundsätzlicher Kritik vergisst indes zweierlei: erstens, dass viele Menschen das Bedürfnis haben, von ihrer Zeitung nicht nur Schilderungen zu bekommen, sondern auch Deutungen. Um sich zu sortieren, um sich bestätigt, um sich herausgefordert zu fühlen.
Wie war das, als sich die BBC im November 2025 dem amerikanischen Präsidenten ergab? Donald Trump hatte am 6. Januar 2021 eine Rede gehalten, mit der er seine Anhänger zum Sturm aufs Kapitol inspirierte; als sie es anschließend taten, ließ er sie gewähren. Die BBC montierte in einer Doku zwei Sätze Trumps so, als hätte er sie direkt hintereinander gesprochen – das kann und muss man kritisieren. Dennoch befand ich in einem SZ-Kommentar, die Anstalt habe viel mehr Reue gezeigt, als nötig gewesen wäre. Der Generaldirektor und die Nachrichtenchefin traten zurück, außerdem wurde Trump öffentlich um Entschuldigung gebeten. Aber was sei denn in Wahrheit schlimmer gewesen, fragte ich in dem Kommentar: das sinnwahrende Herumdoktern an einer Rede – oder eine Rede, die in einen Putschversuch mündete?
Ob ein Kommentar gut oder schlecht ist, das hängt übrigens nicht im Geringsten davon ab, wie viele Leute ihm zustimmen oder nicht. Anders als der Begriff „Meinung“ über einem Kommentar oder der gedruckten Meinungsseite vielleicht suggeriert: Das Wichtigste bei einem Kommentar ist keinesfalls die Meinung. Das Wichtigste sind die Argumente. SZ-Autorinnen und -Autoren nehmen für sich in Anspruch zu argumentieren, warum sie zu diesem oder jenem Schluss kommen. Denn genau dies ist die Meinung: ein Schluss. Ein Kommentar ohne Argumente wäre kein Kommentar, sondern ein Manifest. Wir wollen aber jeweils nachvollziehbar machen, warum ein Autor zu seiner Meinung, zu seinem Schluss kommt.
Meinung ist, dass die BBC ihre Unterwerfung unter Trump nicht nötig gehabt hätte. Aber professionell gesehen taugt diese Meinung nur dann etwas, wenn die auf sie hinführenden Argumente nachvollziehbar und stringent sind; wenn die zugrundeliegenden Fakten stimmen: dass das Doktern der BBC an Trumps Rede deren Sinn nicht verdreht habe und ein Putschversuch eine andere Dimension habe als dieses Doktern. Die Meinung ist frei, die Fakten sind heilig. Die auf den Fakten aufbauenden Argumente kann der eine Leser sodann teilen und die andere Leserin ablehnen. Beides dient der persönlichen Orientierung, dem Schärfen des eigenen Urteils.
Denn darum geht’s uns, immer: Wir wollen Debatten anstoßen, organisieren, am Laufen halten. Worum es uns wirklich nie geht: eine bestimmte Meinung durchzusetzen. („Meinungsmache“ ist zu Recht ein negativ besetzter Ausdruck.) Das ist der Grund, weshalb man in der SZ permanent Kommentare findet, in denen die eine Autorin zum entgegengesetzten Schluss kommt als drei Tage vorher der andere Autor beim selben Thema. Wir sind eine Redaktion und keine Fraktion. Eine Fraktion muss einigermaßen einheitlich vorgehen, um arbeitsfähig zu sein. Eine Redaktion muss ihre Mitglieder laufen lassen. Sofern hier niemand rassistisch schreibt, zur Abschaffung der freiheitlich demokratischen Grundordnung aufruft oder so tut, als gäbe es in der seriösen Wissenschaft zwei konkurrierende Ansichten, ob der Klimawandel menschengemacht ist oder nicht (was hier alles niemandem einfällt) – solange also jemand in dem Grundkonsens bleibt, den eine Redaktion natürlich braucht, darf hier jeder schreiben, was er will.
Und wenn dann nach dem Kommentar zu Trump und der BBC ein Post kommt, dieser eine Autor solle bitte nicht auch noch den Sportteil verhunzen; oder: Man brauche keine Kommentare – perfekt. Dann hat sich jemand so sehr an einem Text gerieben, dass er sich hinsetzt, der Redaktion plus den anderen Usern schreibt und so an der Debatte teilnimmt. Für die Redaktion gilt in dem Fall: „Ziel erreicht“.

Seit Februar 2021 Leiter des Meinungsressorts der Süddeutschen Zeitung. Zuvor bereits Leiter des Medienressorts und der Seite Drei, Korrespondent in Frankfurt sowie stellvertretender Leiter Innenpolitik. Seit 1991 bei der SZ.










