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Alle nur noch überlastet?

Zeitunglesen als vertrauensbildende Maßnahme in unübersichtlichen Zeiten.

Von Jürgen Kaube

Fast alle Bürger sind inzwischen Spezialisten. Durch ihr Berufsleben, aber auch durch ihre Freizeitverwendung haben sie in einigen gesellschaftlichen Bereichen außerordentliche Kenntnisse und Erfahrungen. Sie wissen genau Bescheid, wie ein Hochregallager funktioniert oder das System der Krankenkassen, eine Konditorei oder das Einhandsegeln. Sie finden sich in Frankfurt leicht zurecht oder in Amsterdam, kennen sich in der Operngeschichte aus oder bei Wildgerichten.

Niemand kennt sich aber bei den meisten Dingen aus. Bei einigen dieser meisten Dinge fällt das nicht ins Gewicht. Man kann auch ohne Ansichten zu Goethe, Kenntnisse der Polymerchemie oder Wissen über Indonesien ein gutes Leben führen. Es gibt aber auch Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, von denen gar nichts zu wissen folgenreich sein kann. Nehmen wir die Corona-Pandemie, die Schuldenbremse oder die Frage nach der Kriminalitätsentwicklung in deutschen Großstädten. „Ist mir egal“, ist hier keine gute Rechtfertigung eigener Ahnungslosigkeit. Zumal solche Ahnungslosigkeit oft mit starken Ansichten zum jeweiligen Thema einhergeht. Oft glauben die Leute, eine eigene Meinung zu haben, die tatsächlich aber eine Meinung ist, die sie einfach nur übernommen haben.

Damit kommt die Frage auf, woher wir das Wissen beziehen, das unseren privaten, aber auch staatsbürgerlichen Urteilen über Sachverhalte zugrunde liegt, mit denen wir nicht beruflich oder durch ständige Praxis vertraut sind. Wem vertrauen wir? „Vertrauen“ soll dabei nicht heißen: blinde Übernahme dessen, was eine Autorität sagt. Vielmehr geht es um eigenes Nachdenken anhand kluger, ihrer eigenen Grenzen bewusster Information. So entsteht Vertrauen beispielsweise, wenn eine Mitteilung – über Epidemien, Schuldenbremsen, Stadtbilder – den Widerspruch mit einbezieht, der ihr entgegengebracht wird. Wenn die Sache von mehreren Seiten aus betrachtet wird. Wenn markiert wird, wie sicher man seiner eigenen Urteile ist.

Für die Qualität einer Zeitung sind solche Gesichtspunkte entscheidend. Zeitungen berichten über so gut wie alles. Wenn sie über etwas, das für wichtig gehalten wird, nicht berichten, kann das ein Einwand gegen sie sein. Sie übersetzen häufig politische, wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Spezialkenntnisse in eine möglichst allgemeinverständliche Sprache. Beides ermöglicht es, sich erste Urteile über Tatbestände zu bilden, die ins eigene Leben der Wähler, Konsumenten, Eltern oder Zuschauer hineinragen, ohne dass diese sich intensiv damit auseinandersetzen können. Denn dafür sind es zu viele Dinge, ist die Zeit zu knapp, haben die Bürger noch anderes zu tun.

Gute Zeitungen versuchen dabei nicht nur, verlässlich zu sein, sondern auch über Kriterien für Verlässlichkeit zu berichten, die Vertrauenswürdigkeit des politischen Personals etwa oder die Qualität von Restaurants, Gesundheitsratschlägen, technischen Geräten und Wirtschaftsprognosen.

Um an dieser Stelle nicht missverstanden zu werden: Auch dabei kann es zu Fehlern, Irrtümern, zweifelhaften Urteilen kommen. Wer Unfehlbarkeit erwartet, um Vertrauen zu entwickeln, muss entweder den eigenen Verstand aufgeben oder in einer Welt des Misstrauens leben. Deswegen sollte zwischen Irrtümern und Lügen unterschieden werden, zwischen Meinungen und bewusster oder grob fahrlässiger Desinformation. Gute Zeitungen, gute Medien sind keine Parteiorgane, achten immer auch auf das, was dagegen spricht, haben einen Sinn für die Komplexität der Dinge. Denn was immer die Welt und die Wirklichkeit sind, sie sind nie einfach. Die gute Zeitung tritt nach Maß ihrer Kräfte gegen die „terrible simplificateurs“, die schrecklichen Vereinfacher an, von denen wir seit jeher und vielleicht mehr denn je umgeben sind. 

Herausgeber der F.A.Z. und F.A.S., Träger des Ludwig-Börne-Preises 2015. Autor mehrerer Bücher u. a. „Die gespaltene Gesellschaft“ (2022) mit dem Soziologen André Kieserling.