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Vertrauter miteinander sprechen

Interviews im SZ-Magazin.

Von Michael Ebert

Als ich diesen Text beginne, sitze ich im ICE von Berlin nach München, einen Tag, nachdem das SZ-Magazin den Deutschen Repor­ter­Innen-Preis für das „Beste Interview des Jahres 2022“ gewonnen hat. Der Preis zählt seit vielen Jahren zu den bedeutendsten Auszeichnungen im deutschsprachigen Journalismus, das SZ-Magazin hat ihn schon einige Male gewonnen, aber die Freude in der Redaktion ist jedes Mal aufs Neue riesig.  

Für dieses ausgezeichnete Interview sprachen die Redakteure Patrick Bauer und Thomas Bärnthaler mit zwei Teilnehmern der Olympischen Spiele 1972 in München, Shaul Ladany und Gad Tsabari. Beide waren Sportler der israelischen Mann­schaft, der eine als Geher, der andere als Ringer, beide erlebten den Terroranschlag im Olympischen Dorf, beide verloren dabei Mannschafts­kameraden und Freunde – und beide sind mit dem schrecklichen Ereignis auf ganz unterschiedliche Art umgegangen. Nach langer Überzeugungsarbeit durch die Redaktion waren Ladany und Tsabari irgendwann bereit, sich zum 50. Jahrestag der Münchner Spiele gemeinsam an einen Tisch zu setzen, um über den Sport, den Terror, das Leben und das Überleben zu sprechen.

Es ist ein ebenso intimes wie erkenntnisreiches Interview, ich empfehle Ihnen die Lektüre sehr. Es macht außerdem den Aufwand sichtbar, den Reporterinnen und Reporter des SZ-Magazins betreiben, um außergewöhnliche Texte zu schaffen. Fast ein Jahr vor der Veröffentlichung hatten Bauer und Bärnthaler zum ersten Mal Kontakt zu den beiden israelischen Sportlern aufgenommen, es folgten zahllose E-Mails, Telefonate, Vorgespräche, alles zu einem Zweck: Vertrauen auf­zubauen. Vertrauen in die journalistische Kompetenz des SZ-Magazins sowie in die Ernsthaftigkeit, Professionalität und Seriosität der beiden Reporter. Als dieses Vertrauen hergestellt war, flogen die SZ-Magazin-Kollegen nach Tel Aviv.

Jedes Interview ist qua Anlage zunächst eine Impertinenz: Reporter erscheinen und stellen intime, persönliche, gelegentlich schmerzhafte Fragen an Personen, die sie oft noch nie zuvor gesehen haben. Dass sich Menschen diesen Fragen aussetzen, ist ein Vertrauensbeweis, den wir beim SZ-Magazin einerseits würdigen – und der uns andererseits nicht davon abhalten darf, unangenehme, streitbare, bohrende Fragen zu stellen und darauf Antworten zu erwarten. Die Liste der Personen, die uns diesen Vertrauensbeweis bereits ausgestellt haben, ist schillernd besetzt: Tom Hanks, Angelina Jolie, Donatella Versace, Denzel Washington, Angela Merkel, Jack Lemmon und Walter Matthau, Melinda Gates, Jeff Koons, Ferdinand von Schirach, Philipp Lahm, Sophie Calle, Annie Ernaux – nur einige von vielen.

Aus der jüngsten Zeit ist mir ein bemerkenswertes Gespräch mit Alice Schwarzer in Erinnerung, das die SZ-Magazin-Redakteurinnen Susan Djahangard und Gabriele Herpell geführt haben. Es ist als Titel­geschichte erschienen, kurz vor dem 80. Geburtstag von Deutschlands bekann­tester Feministin. Die Offenheit, mit der Schwarzer auf die teils biografischen, teils politischen Fragen antwortet, ist bemerkenswert, und die Kolleginnen haben diese Offenheit durchaus als Kompliment für sich und das SZ-Magazin verstanden. Hier, so der Eindruck, können sich auch Menschen wie Alice Schwarzer ungeschützter zeigen als sonst – weil sie darauf vertrauen können, dass sorgsam und sorgfältig mit ihnen umgegangen wird. Aus den Recherchen der Kolleginnen und dem Interview mit Schwarzer ist übrigens auch ein spannender sechsteiliger Podcast entstanden, den ich sehr empfehlen kann.

 

Das Interview mit Ladany & Tsabari lesen

Michael Ebert

Seit 2012 Chefredakteur des SZ-Magazins. Davor entwickelte er mit Timm Klotzek für Gruner + Jahr NEON und NIDO, die sie lange Zeit führten. Auch beim SZ-Jugend­magazin jetzt haben beide bereits zusammen gearbeitet.